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Wie nehmen Fische ihre Nahrung auf – und was bedeutet das für uns Fliegenfischer?

12. Sept.
8 Min. Lesezeit
Finnischer Fluss mit Strömung, Steinen und Rinnen – typische Futterlinien und mögliche Standplätze für Forellen und Äschen
Strömung, Steine und Rinnen lenken die Nahrung – unabhängig davon, ob wir an einem Bach in Bayern oder an einem Fluss in Finnland stehen.

Der größte Teil der natürlichen Nahrung vieler Fische befindet sich unterhalb der Wasseroberfläche. Je nach Fischart können das Insektenlarven und Nymphen, Krebstiere, Würmer, Pflanzen, kleine Fische oder andere Beutetiere sein.

Für uns Fliegenfischer ist deshalb vor allem eine Frage interessant:

Wo befindet sich die Nahrung – und in welcher Wasserschicht nimmt der Fisch sie gerade auf?

Beim klassischen Fliegenfischen an Bächen und kleinen bis mittelgroßen Flüssen denken wir dabei vor allem an Forellen, Äschen und Döbel beziehungsweise Aitel. Auch die Barbe gehört zu unseren Flusssystemen, nimmt ihre Nahrung allerdings deutlich stärker grundnah auf.

Mir geht es hier nicht darum, für jede Situation sofort die passende Fliege festzulegen. Viel wichtiger ist zunächst zu verstehen, wie Nahrung zum Fisch gelangt und warum sich die Nahrungsaufnahme innerhalb eines Gewässers verändern kann.

Der Fisch steht dort, wo Nahrung vorbeikommt

Eine Forelle oder Äsche steht häufig an einer Position, an der sie möglichst wenig Energie verbraucht und trotzdem regelmäßig Nahrung erreichen kann.

Das kann hinter einem Stein sein, an einer Strömungskante, in einer Rinne oder dort, wo sich das Wasser nach einer Verengung wieder öffnet.

Fließgewässer mit Steinen, Rinnen und Strömungskanten als typische Futterlinien und Standplätze für Forellen und Äschen.
Strömung, Steine und Rinnen schaffen unterschiedliche Futterlinien und Standplätze. Genau dort positionieren sich Forellen und Äschen, um Nahrung mit möglichst wenig Energie zu erreichen.

Ich stelle mir einen Fluss gerne wie eine Straße mit verschiedenen Fahrspuren vor.

Auch die Nahrung verteilt sich nicht gleichmäßig über das gesamte Gewässer. Die Strömung sammelt und transportiert sie auf bestimmten Linien. Für den Fisch entstehen dadurch regelrechte Futterlinien.

Manchmal können wir solche Linien sogar an der Oberfläche erkennen. Dort, wo sich Schaum, Blätter oder anderes Treibgut sammelt und über längere Strecken in derselben Spur bewegt, arbeitet die Strömung. Und wo das Wasser solches Material transportiert, wird natürlich auch Nahrung mitgeführt.

Unter Wasser passiert im Grunde dasselbe.

Steine, kleine Kaskaden, Engstellen, Rinnen, unterschiedliche Tiefen und Übergänge verändern die Strömung und damit auch den Weg der Nahrung.

In einem kleinen Bach kann eine solche Struktur nur wenige Zentimeter breit sein, in einem größeren Fluss deutlich mehr.

Das Grundprinzip bleibt gleich:

Die Strömung bringt die Nahrung – und der Fisch versucht, sie mit möglichst wenig Energie zu erreichen.

Forellen an ihrem natürlichen Standplatz. Im klaren, flachen Wasser ist gut zu erkennen, wie unterschiedlich sich zwei Fische auf engstem Raum verhalten: Während eine Forelle mehrfach aus ihrer Position aufsteigt und Nahrung aufnimmt, bleibt die Forelle direkt daneben nahezu unverändert an ihrem Standplatz. Genau solche Beobachtungen zeigen, dass Nahrungsaufnahme selbst innerhalb weniger Meter sehr unterschiedlich sein kann.

Der größte Teil der Nahrungsaufnahme passiert unter Wasser

Wir Fliegenfischer sehen natürlich besonders gerne einen steigenden Fisch. Genau diese Momente bleiben im Gedächtnis.

Trotzdem dürfen wir nicht vergessen, dass ein großer Teil der natürlichen Nahrung unter Wasser vorhanden ist und entsprechend auch dort aufgenommen wird.

In der Literatur findet man immer wieder Prozentangaben dazu, wie viel Nahrung Forellen und andere Fische unterhalb der Oberfläche aufnehmen. Ich selbst habe das nie gemessen – und habe mich auch schon gefragt, wie man so etwas eigentlich exakt feststellen will. Sitzt da jemand am Fluss und zählt jede einzelne Nahrungsaufnahme?

Tatsächlich beruhen solche Untersuchungen unter anderem auf Mageninhaltsanalysen. Dabei wird untersucht, was die Fische aufgenommen haben, und dies beispielsweise mit der Nahrung verglichen, die gleichzeitig in der Drift des Gewässers vorhanden ist. Solche Untersuchungen zeigen zugleich, wie stark sich die Nahrungsaufnahme je nach Gewässer, Tageszeit, Temperatur und aktuellem Nahrungsangebot verändern kann.

Deshalb möchte ich mich bewusst nicht auf irgendeine feste Prozentzahl festlegen.

Der grundlegende Zusammenhang reicht mir:

Wenn sich ein großer Teil der verfügbaren Nahrung unter Wasser befindet, wird dort auch ein großer Teil davon aufgenommen.

Larven und Nymphen leben zwischen Steinen, Kies, Pflanzen und anderem Substrat. Immer wieder lösen sich einzelne Tiere, werden von der Strömung erfasst und treiben ab.

Der Fisch muss ihnen nicht ständig hinterherschwimmen. Häufig steht er an einer günstigen Position und wartet darauf, dass die Nahrung zu ihm kommt.

Vom Gewässergrund bis zur Oberfläche

Kommt es zu einem Schlupf, verändert sich die Situation.

Je nach Insektenart verlassen die Tiere ihren bisherigen Lebensraum. Manche bewegen sich durch die Wassersäule zur Oberfläche, andere in Richtung Ufer.

Massiver Insektenschlupf mit zahlreichen Eintagsfliegen in einer Hand direkt am Fließgewässer.
Ein massiver Insektenschlupf – für viele Fliegenfischer einer dieser besonderen Momente, die man am Wasser nur selten erlebt. Innerhalb kurzer Zeit verändert sich das Nahrungsangebot vollständig und plötzlich ist überall Bewegung.

Damit verändert sich auch, wo die Nahrung für den Fisch verfügbar ist.

Ein Fisch kann ein Insekt zunächst grundnah aufnehmen, später während des Aufstiegs, unmittelbar unter dem Oberflächenfilm und schließlich direkt an der Oberfläche.

Am deutlichsten erkennen wir die Nahrungsaufnahme natürlich, wenn ein Fisch nach einem Insekt steigt und es an der Oberfläche aufnimmt.

Manchmal sehen wir nur einen feinen Ring. Ein anderes Mal einen deutlichen Schwall, ein Schnappen oder sogar einen Fisch, der teilweise aus dem Wasser kommt.

Aber auch unter Wasser können wir Hinweise erkennen.

Ein kurzes Aufblitzen der Flanke, eine kleine Richtungsänderung oder manchmal für einen Moment das helle Innere des geöffneten Mauls können darauf hindeuten, dass gerade Nahrung aufgenommen wurde.

Und genau darum geht es:

In welcher Wasserschicht nimmt der Fisch seine Nahrung gerade auf?

Das Prinzip ist wichtiger als der lateinische Name

Große Maifliege mit drei Schwanzfäden, großen Vorderflügeln und kleinen Hinterflügeln auf einer Hand am Gewässer.
Große Maifliege direkt am Gewässer. Ein typisches Merkmal sind die drei Schwanzfäden sowie die großen Vorder- und deutlich kleineren Hinterflügel.

Für uns Fliegenfischer ist es hilfreich, zumindest grob zu wissen, welche Insekten in unseren Gewässern vorkommen und wie sie sich entwickeln.

Zu den wichtigsten Gruppen gehören Steinfliegen, Köcherfliegen und Eintagsfliegen. Dazu kommen zahlreiche kleinere Larven, Nymphen und andere Insekten.

Natürlich kann man einzelne Arten bestimmen, lateinische Namen lernen und komplette Entwicklungszyklen bis ins Detail studieren. Das ist interessant und hat seine Berechtigung.

Für das grundlegende Verständnis am Wasser ist für mich aber zunächst etwas anderes wichtiger:

Was lebt in meinem Gewässer? Wie groß ist es? Und wo befindet es sich gerade?

Denn nicht jedes Insekt kommt überall vor.

Ein alpiner Bach besitzt eine andere Insektenwelt als ein langsam fließender Wiesenfluss. Ein Karstfluss auf dem Balkan kann wiederum völlig anders aussehen als ein Gewässer im bayerischen Voralpenland.

Auch die Größe sollten wir nicht zu starr an der Jahreszeit festmachen.

Größere Nymphen können gerade früh in der Saison interessant sein. Das bedeutet aber nicht, dass kleine Nahrung erst später eine Rolle spielt.

Kleine Nymphen und Larven befinden sich das ganze Jahr über in unseren Gewässern. Dazu gehören beispielsweise Steinklammerer, unterschiedliche Eintagsfliegen-Nymphen und viele andere kleine Entwicklungsstadien.

Wer einmal ein paar Steine im Bach umdreht und wirklich hinschaut, erkennt sehr schnell, wie viel kleine Nahrung dort tatsächlich vorhanden ist.

Deshalb lautet die Regel für mich nicht:

Am Anfang groß, später klein.

Sondern:

Schaut, was tatsächlich im Wasser vorhanden ist und was die Fische aufnehmen.

Vom Insekt zur Nahrungsaufnahme

Stark vereinfacht lässt sich der Weg vieler Wasserinsekten für uns Fliegenfischer so darstellen:

Grund → Wassersäule → Aufstieg → Oberflächenfilm → geflügeltes Insekt

Nicht jedes Insekt durchläuft diese Stadien exakt auf dieselbe Weise. Manche bewegen sich zum Ufer, andere steigen direkt zur Oberfläche.

Aber dieses einfache Bild hilft uns zu verstehen, warum Nymphe, Emerger und Trockenfliege keine völlig voneinander getrennten Welten sind.

Sie bilden unterschiedliche Bereiche und Entwicklungsstadien der natürlichen Nahrung ab.

Genau aus diesem Grund können auch einfache Universalmuster so gut funktionieren. Sie müssen nicht jedes einzelne Insekt exakt nachbilden, sondern vor allem Größe, Form und Entwicklungsstadium passend darstellen. Wie ich solche einfachen Muster aufbaue, zeige ich in meinen Bindeanleitungen Schritt für Schritt.

Eintagsfliege auf Simms-Bekleidung direkt am Gewässer als Beispiel für natürliche Nahrung beim Fliegenfischen
Eintagsfliege – vermutlich Heptagenia sulphurea. Direkt am Wasser zeigt sich, welche Größe, Silhouette und Färbung die natürliche Nahrung tatsächlich hat.
Selbst gebundene Eintagsfliegen-Imitation in passender Größe zur natürlichen Nahrung beim Fliegenfischen.
Das passende Muster zur beobachteten Eintagsfliege – in Größe und Silhouette bewusst nah am natürlichen Vorbild gehalten.
Direkter Vergleich einer natürlichen Eintagsfliege mit einer selbst gebundenen Eintagsfliegen-Imitation am Gewässer.
Natürliche Eintagsfliege und selbst gebundenes Muster im direkten Vergleich – Größe, Silhouette und Proportion liegen sehr nah beieinander.

Auf wenigen Metern kann alles anders sein

Es gibt am Wasser keine klare Grenze, ab wann nur noch Nymphe oder nur noch Trockenfliege funktioniert.

Ich habe Situationen erlebt, in denen die Fische bei mir fast ausschließlich unter Wasser Nahrung aufgenommen haben und 20 Meter weiter ein Kollege mit der Trockenfliege einen Fisch nach dem anderen fing.

Ein Fluss ist kein gleichmäßiges System.

Strömung, Tiefe, Untergrund, Licht und Insektenaktivität können sich innerhalb weniger Meter verändern. Entsprechend verändert sich auch, wo Nahrung transportiert und aufgenommen wird.

Wer kennt nicht die Situation, dass über einer eigentlich perfekten Stelle zahlreiche Eintagsfliegen schlüpfen oder auf der Oberfläche treiben – und trotzdem steigt kein einziger Fisch?

Viele Insekten auf dem Wasser bedeuten eben nicht automatisch, dass die Fische sie dort auch aufnehmen.

Vielleicht nehmen sie ihre Nahrung eine Etage tiefer auf – beispielsweise Nymphen oder aufsteigende Insekten, bevor diese überhaupt die Oberfläche erreichen.

Vielleicht ist die Nahrungsaufnahme momentan auch einfach gering.

Und genau andersherum kann es passieren, dass wir kaum Insekten auf der Oberfläche wahrnehmen und plötzlich beginnt ein Fisch nach dem anderen zu steigen.

Das Wasser gibt uns Hinweise – aber der Fisch zeigt uns, welche davon gerade wichtig sind.

Nahrungsaufnahme ist kein starres Schema

Fische nehmen Nahrung auf, weil sie Energie benötigen.

Sie denken nicht in unseren Kategorien wie Nymphe, Trockenfliege, Maifliegenzeit oder Köcherfliegenschlupf. Sie nutzen das, was ihnen gerade zur Verfügung steht und was sie mit möglichst wenig Energie erreichen können.

Deshalb bedeutet Maifliegenzeit nicht automatisch:

Jetzt nehmen die Fische ausschließlich Maifliegen von der Oberfläche.

Vielleicht nehmen sie gerade Nymphen in der Wassersäule auf. Vielleicht beginnen sie zehn Minuten später zu steigen. Vielleicht passiert eine Stunde lang scheinbar fast nichts und anschließend beginnt plötzlich eine intensive Phase der Nahrungsaufnahme.

Solche Zeitfenster können wenige Minuten dauern oder sich deutlich länger hinziehen. Und selbst innerhalb dieser Zeit kann sich die Intensität immer wieder verändern.

Genau das macht ein Gewässer lebendig.

Die Natur arbeitet nicht nach unserem Stundenplan.

Je mehr wir verstehen und je mehr Zeit wir am Wasser verbringen, desto mehr sehen wir

Das Verständnis dafür, wie Fische ihre Nahrung aufnehmen, entsteht nicht allein aus Büchern.

Genauso wenig reicht es, einfach nur viele Stunden am Wasser zu verbringen, wenn wir nicht bewusst beobachten, was dort passiert.

Beides gehört zusammen.

Je mehr Zeit wir draußen verbringen und je besser wir verstehen, wie Nahrung transportiert und aufgenommen wird, desto stärker verändert sich unsere Wahrnehmung.

Irgendwann sehen wir ein Gewässer nicht mehr nur als Wasserfläche.

Wir erkennen Strömungslinien, Rückströmungen, kleine ruhige Taschen und Bewegungen, die uns früher überhaupt nicht aufgefallen wären.

Ich erlebe das selbst immer wieder.

Ich komme an ein Gewässer und komme mit anderen Fischern ins Gespräch. Nicht selten hört man schnell:

„Heute geht nichts.“ – „Keine Fische zu sehen.“

Während wir reden, registriere ich manchmal nur aus dem Augenwinkel:

Da war etwas.

Kein spektakuläres Steigen. Vielleicht nur eine winzige Bewegung in einer ruhigen Tasche von gerade einmal fünf oder zehn Zentimetern Durchmesser, mitten zwischen harter Strömung.

Ich frage dann manchmal:

„Hast du das gesehen?“

Oft kommt ein Nein.

Dann zeige ich auf die Stelle. Der Fisch macht sich vielleicht noch einmal bemerkbar – und trotzdem wird diese kleine Bewegung nicht immer erkannt. Fische ich die Stelle anschließend gezielt an, bestätigt sich mein Eindruck nicht selten.

Das hat nichts mit einem besonderen Instinkt oder irgendeiner geheimen Fähigkeit zu tun.

Das Auge muss sich an das Wasser gewöhnen.

Wissen hilft uns, Zusammenhänge zu verstehen. Aber erst die Zeit am Wasser zeigt uns, wie diese Zusammenhänge in der Realität aussehen.

Das passiert nicht von heute auf morgen.

Es ist ein Prozess, den jeder Fliegenfischer selbst durchlaufen muss.

Mit jeder Stunde am Wasser, jeder bewussten Beobachtung und jedem Zusammenhang, den wir besser verstehen, werden unsere Sinne ein Stück schärfer.

Und irgendwann merken wir:

Je mehr wir über die Nahrungsaufnahme der Fische verstehen und je mehr Zeit wir am Wasser verbringen, desto mehr sehen wir.


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