Scott Session #5 im Wurftest – Gefühl, Präzision und echtes Scott-Feeling

Die Scott Session #5 in 9 Fuß, also rund 2,74 Meter, wollte ich unter denselben Bedingungen werfen, unter denen ich auch meine anderen Ruten teste: zusammenbauen, in die Hand nehmen und schauen, was die Rute mir beim Werfen zurückgibt.
Kein Test am Wasser und kein Drill eines Fisches – sondern zunächst ein reiner Wurftest.
Mich interessierte vor allem:
Wie früh spricht die Session an?Wie viel Rückmeldung bekomme ich beim Werfen?Wie präzise arbeitet sie auf realistischen Fischereidistanzen?Und was passiert, wenn ich sie über diese Fishing Range hinaus fordere?
Bereits beim ersten Schwingtest hatte ich einen ziemlich klaren Eindruck:
Die Session fühlt sich für mich mittelschnell, harmonisch und sehr ausgewogen an.
Und nach den ersten Würfen kam ziemlich schnell dieses Grinsen.
Genau dieses Gefühl verbinde ich mit Scott.
Aufbau und erster Eindruck
Schon beim Zusammenbauen sieht man die typische Scott-DNA.
Der ungeschliffene, graphitgraue Blank, die grünen Akzente an den Wicklungen und besonders der Rollenhalter mit seiner grün schimmernden Holzeinlage ergeben zusammen eine sehr stimmige und hochwertige Optik.
Gerade der Rollenhalter gefällt mir ausgesprochen gut. In Verbindung mit dem grauen Blank und den grünen Details wirkt die Rute edel, ohne überladen zu sein.
Der Griff ist als Full-Wells-Korkgriff ausgeführt.
Die Session ist mit klassischen Überschubverbindungen aufgebaut. Auch eine Fliegenöse zum Einhängen der Fliege ist vorhanden.
Die Beringung besteht aus einem Leitring, neun Schlangenringen und einem Spitzenring.
Bereits beim ersten Anfassen merkt man, dass man hier eine hochwertig verarbeitete Rute in der Hand hält.

Verarbeitung – einfach sehr hochwertig
Bei der Verarbeitung gibt es für mich wenig zu diskutieren.
Die Session ist eine Augenweide.
Kork, Wicklungen, Blank und Rollenhalter wirken sehr sauber verarbeitet und ergeben zusammen ein hochwertiges Gesamtbild.
Besonders gut gefällt mir auch die doppelte Mutter am Rollenhalter. Ist die Rolle einmal festgezogen und gekontert, sitzt sie wirklich bombenfest.
Der Blank selbst wirkt optisch etwas kräftiger und substanzvoller als manche moderne Fliegenrute, die besonders filigran gebaut ist.
Das empfinde ich nicht als Nachteil.
Die Session vermittelt mir vielmehr den Eindruck einer Rute, die hochwertig, solide und vor allem zum Fischen gebaut wurde.

Rolle und Schnur im Test
Montiert hatte ich meine alte Loop G4 Evotec, die mich inzwischen seit rund 16 Jahren begleitet.
Auf der Rolle befand sich eine Guideline Presentation Evolve WF5 mit:
11 Gramm Kopfgewicht
8,8 Meter Keulenlänge
27,5 Meter Gesamtlänge
Gerade die relativ kurze Keule ist später beim Distanztest wichtig.
Eine andere Schnur, insbesondere eine längere Keule, kann den Charakter einer Rute auf größere Entfernung verändern. Deshalb bezieht sich mein Eindruck ausdrücklich auf diese Kombination.

Die Testfläche – gezielt statt nur geradeaus
Getestet habe ich auf einer großen freien, gepflasterten Fläche.
Die Pflasterfugen und Einfassungen waren dabei sogar ein Vorteil, denn ich konnte mir ständig konkrete Zielpunkte suchen.
Nach dem Test habe ich die Fläche vermessen.
Meine eigentliche Fishing Range lag ungefähr zwischen 5 und 16 Metern. Zusätzlich habe ich gezielt bis etwa 20 Meter geworfen und anschließend den Distanzbereich darüber hinaus getestet.
Dabei habe ich nicht einfach immer mehr Schnur ausgegeben und geradeaus geworfen.
Ich habe die Schnur verkürzt, wieder verlängert und unterschiedliche Punkte geradeaus, seitlich und diagonal angeworfen.
Genau das ist für mich näher an einer realen Fischereisituation.
Schon mit sehr wenig Schnur – sofort Rückmeldung
Was mir bei der Session sofort gefallen hat:
Sie spricht bereits mit sehr wenig Schnur an.
Man muss nicht erst viel Schnur außerhalb der Rutenspitze haben, bevor die Rute anfängt zu arbeiten.
Gerade das halte ich für eine wichtige Eigenschaft einer guten Forellenrute.
Wenn ein Fisch nur wenige Meter entfernt steht, möchte ich die Rute aufnehmen und sofort kontrolliert präsentieren können.
Bei der Session funktioniert genau das.
Sie gibt früh Rückmeldung und vermittelt schon auf kurze Distanz ein gutes Gefühl dafür, was die Schnur gerade macht.
5 bis 8 Meter – präzise und spielerisch
Im Bereich von ungefähr fünf bis acht Metern ließ sich die Session ausgesprochen präzise werfen.
Ich habe auf der Pflasterfläche unterschiedliche Punkte anvisiert und konnte die Schnur sehr sauber dort platzieren, wo ich sie haben wollte.
Dabei wirkt die Rute ruhig und kontrolliert.
Während des Tests hatten wir auch leichte seitliche Windböen. Dann kann eine Schnur natürlich einmal etwas neben dem eigentlich anvisierten Punkt landen.
Wenn man den Wind erkennt und entsprechend gegensteuert oder etwas mehr Energie in den Wurf gibt, setzt die Session das sehr sauber um.
10 bis 16 Meter – hier zeigt die Session ihre Stärke
In meiner normalen Fishing Range zwischen ungefähr 10 und 16 Metern hat die Session für mich praktisch alles abgedeckt, was ich von einer universellen 5er erwarte.
Die Präzision ist sehr hoch.
Aber das Entscheidende ist für mich gar nicht nur, wo die Schnur landet.
Es ist das Gefühl auf dem Weg dorthin.
Die Session gibt viel Rückmeldung. Man spürt die Rute arbeiten und bekommt ein gutes Gefühl für den richtigen Moment des Wurfes.
Für mich besitzt sie eine mittelschnelle, harmonische Aktion.
Sie wirkt feinfühlig, ohne kraftlos zu sein. Wenn mehr Energie benötigt wird, ist sie vorhanden. Gleichzeitig zwingt die Rute mich nicht dazu, ständig Druck aufzubauen.
Die Session wirft nicht nur präzise – sie vermittelt dabei Gefühl.
Auch feinere Tippets passen zu ihrem Charakter
Schon aus dem ersten Wurfeindruck heraus würde ich die Session auch in Richtung vorfachschonender Fischerei einordnen.
Die harmonische Aktion und das feinfühlige Verhalten der Rute vermitteln mir den Eindruck, dass auch feinere Tippets sehr gut zu ihrem Charakter passen.
Gerade bei vorsichtigen Fischen, kleineren Fliegen und Situationen, in denen eine feinere Präsentation gefragt ist, sehe ich darin einen Vorteil.
Wichtig ist auch hier:
Ich habe die Session bislang nur geworfen und noch keinen Fisch damit gedrillt.
Wie sie sich tatsächlich unter Belastung mit einem feinen Tippet verhält, möchte ich deshalb nicht als getestete Tatsache darstellen.
Vom Charakter der Rute her passt eine feinere Fischerei für mich aber sehr gut zur Session.
Bis etwa 20 Meter – weiterhin präzise
Auch bei Würfen bis ungefähr 20 Meter ließ sich die Session sehr kontrolliert und präzise bewegen.
Auf meiner vermessenen Testfläche konnte ich die Distanzen gut einordnen und unterschiedliche Zielpunkte auch diagonal anwerfen.
Selbst in diesem Bereich hatte ich nie das Gefühl, dass die Session unruhig wird.
Für meine normale Forellenfischerei sind solche Distanzen ohnehin mehr als ausreichend.
Und genau deshalb ist mir die Präzision auf fünf, zehn, fünfzehn oder zwanzig Metern wesentlich wichtiger als irgendeine theoretische Maximalweite.
Jenseits der Fishing Range – jetzt wird Technik wichtiger
Natürlich wollte ich auch wissen, welche Reserven die Session besitzt.
Also bin ich anschließend bewusst über die normale Fishing Range hinausgegangen.
Dort merkt man ihren Charakter noch einmal deutlich.
Wer wirklich große Schnurlängen bewegen möchte, muss sauber arbeiten.
Timing und Zugunterstützung werden deutlich wichtiger.
Mit einem guten Doppelzug lässt sich die Session auch auf große Distanz bringen.
Aber sie fühlt sich für mich nicht wie eine Rute an, deren wichtigstes Ziel darin besteht, möglichst aggressiv möglichst viel Schnur nach vorne zu schießen.
Die Session ist für mich keine reine Weitwurfmaschine.
Und das ist ausdrücklich nicht negativ gemeint.
Ihre eigentlichen Stärken liegen für mich dort, wo ich normalerweise fische.
Die kurze Keule beim Distanztest
Bei der Bewertung der großen Distanzen darf man die verwendete Schnur nicht vergessen.
Die Guideline Presentation Evolve WF5 besitzt eine Keulenlänge von nur 8,8 Metern.
Für kurze und mittlere Distanzen gefällt mir diese Kombination ausgesprochen gut.
Geht es dagegen ausschließlich darum, möglichst große Schnurlängen kontrolliert in der Luft zu halten, würde eine längere Keule die Situation verändern.
Deshalb würde ich aus diesem Test niemals ableiten:
Die Session kann nicht weit werfen.
Das kann sie.
Die Frage ist für mich vielmehr:
Warum sollte die maximale Wurfweite bei einer solchen Rute das wichtigste Kriterium sein?
Wie ordne ich die Scott Session #5 ein?
Für mich ist die Session nach diesem ersten Test vor allem eine universelle 5er zum Fischen.
Sie spricht bereits mit wenig Schnur an, besitzt auf kurze Distanz viel Gefühl und ist in meiner normalen Fishing Range ausgesprochen präzise.
Dazu kommt genügend Kraft für Wind und weitere Würfe.
Wer eine extrem schnelle Rute sucht, deren Hauptcharakter aus maximalem Punch besteht, sucht möglicherweise etwas anderes.
Wer beim Werfen aber spüren möchte, was die Rute macht, sollte sich die Session genauer anschauen.
Für mich liegt genau darin ihre Stärke.
Eine vollwertige Scott in der Premiumklasse
Mit rund 800 Euro ist die Session natürlich eine hochpreisige Fliegenrute und ganz klar Premiumklasse.
Innerhalb des Scott-Programms liegt sie trotzdem unter GT und Centric, ohne deshalb wie eine abgespeckte Lösung zu wirken.
Für mich ist die Session eine vollwertige Scott – hochwertig verarbeitet, präzise und mit genau dem Gefühl, das ich von einer Premiumrute erwarte.
Und genau hier sollte man sich nicht automatisch vom höchsten Preis leiten lassen.
Die bessere Rute ist nicht zwangsläufig die teuerste.
Entscheidend ist, welche Rute zur eigenen Fischerei und zum eigenen Wurfgefühl passt.
Mein Fazit zur Scott Session #5
Die Scott Session #5 in 9 Fuß / 2,74 Meter ist für mich nach diesem ersten Wurftest eine hochwertige, universelle und sehr gefühlvolle 5er.
Sie spricht bereits mit sehr wenig Schnur an und ist deshalb auch auf kurzen Distanzen sofort einsatzbereit.
In meiner normalen Fishing Range bis ungefähr 16 Meter vermittelt sie viel Kontrolle und Präzision.
Auch bis etwa 20 Meter bleibt sie sauber und kontrollierbar.
Wer darüber hinaus große Distanzen erreichen möchte, kann das ebenfalls. Dann verlangt die Session allerdings nach sauberem Timing und entsprechender Zugunterstützung.
Für mich ist das vollkommen in Ordnung.
Denn ihre größte Stärke liegt nicht darin, irgendeinen Distanzrekord aufzustellen.
Ihre Stärke liegt im Gefühl.
Die Aktion empfinde ich als mittelschnell und harmonisch. Die Rute gibt Rückmeldung und besitzt gleichzeitig genügend Kraft, wenn man sie fordert.
Auch für eine feinere, vorfachschonende Fischerei und entsprechende Tippets passt dieser Charakter nach meinem ersten Eindruck sehr gut.
Hinzu kommt eine Verarbeitung, die mich wirklich überzeugt.
Der ungeschliffene, graphitgraue Blank, die grünen Akzente an den Wicklungen, der sauber verarbeitete Kork und besonders die grün schimmernde Holzeinlage des Rollenhalters ergeben zusammen eine Rute, die nicht nur gut funktioniert, sondern auch richtig schön aussieht.
Für jemanden, der eine hochwertige und universelle 5er sucht, beim Fischen Gefühl haben möchte und nicht zwingend in die Preisklasse jenseits von 1.000 Euro gehen will, ist die Scott Session für mich nach diesem Wurftest eine ausgesprochen interessante Rute.
Und genau das ist für mich dieses typische Scott-Feeling:
hochwertig gebaut, wunderschön anzusehen – aber vor allem zum Fischen gemacht.



